Friedendsgottesdienst zur "Donau-Welle" am 12.09.2010
Friedensgottesdienst zur „Donau-Welle“ am 12. September 2010
in Donzdorf
Liebe Gemeinde,
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). So lautet der anziehende Gedanke, den der Prophet Amos als Wort Gottes dem Volk Israel sagte. Das klingt gut. Ein wunderschönes Bild, das sich einprägt: Fließendes Wasser, eine kräftige Quelle, die nie versiegt, auch nicht in trockenen Zeiten. Das passt zur Donau. Es passt aber auch zum Gedanken der „Donau-Welle“, denn wo Recht wie Wasser strömt, kann Friede gedeihen. Wo Recht und Gerechtigkeit fehlen, da herrschen Willkür und Unterdrückung. Da wird das Leben beschränkt, beschnitten, gehemmt. Da haben die einen Privilegien, die anderen werden zurückgesetzt und ausgenützt. Da werden Aggressionen geschürt, die sich in Gewalttaten zeigen. Da greift man zur Waffe und setzt sich zur Wehr.
Gerechtigkeit kann nicht verordnet werden. Sie muss wachsen aus der Bereitschaft vieler einzelner Menschen, die ihre Fähigkeiten und Kräfte einfließen lassen in ein größeres Ganzes, das Einen auch selbst bereichert. Das beginnt in einem Verein, in einer Gruppe und setzt sich fort in einer Gemeinde und in einer Gesellschaft. Wenn wir dieses Fließen hemmen oder gar verhindern, dann kann es dazu kommen, dass Menschen sich nicht zugehörig fühlen und sich abgrenzen. Das beschäftigt uns ja zur Zeit bei der Debatte um die Integration von Türken in unseren Großstädten. Da ist zuwenig im Fluss hin und her!
Nun ist freilich das Motto, dass Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach, nicht geboren aus der beglückenden Erfahrung, wie unter Recht und Gerechtigkeit alles so schön gedeiht. Es ist keine allgemeine Weisheit. Vielmehr verdankt sich der Satz einer bedrückenden Erfahrung, also dem Fehlen von Recht und friedlichen Zuständen. Als Amos auftrat, herrschte im Nordreich Israel der König Jerobeam II. Zu der Zeit florierte der Handel und die Ernten waren gut. Es war sozusagen Hochkonjunktur. Die Wohlhabenden konnten sich alles leisten, was sie wollten. Prächtige Feste wurden gefeiert, die Häuser vergrößert und erneuert, auch für den Tempel fiel etwas ab. Die Gottesdienste waren feierlich, die Opfergaben üppig, die Chöre groß und der Gesang prächtig. Doch wo die Einen Gott und Geld im selben Atemzug feierten, gerieten die Anderen ins Abseits. Arbeitslosigkeit und soziale Nöte breiteten sich aus, Betrug und Schuldknechtschaft kamen hinzu. Amos nahm kein Blatt vor den Mund: „Sie häufen Gewalt auf Gewalt und Unrecht in den Palästen“ (Amos 3, 10). Die Frauen greift er an: „Hört Ihr Basankühe in Samaria, die Ihr die Geringen bedrückt und die Armen zermalmt und zu Euren Männern sagt: Schaff her, dass wir zechen“ (Amos 4,1). „Den Unschuldigen bedrängt ihr, ihr lasst Euch bestechen, Arme haben vor Gericht kein Gehör“ (Amos 5,12). Deshalb ruft Amos nicht nur zur Umkehr auf, sondern er kündigt Gottes Gericht an.
Wer autorisiert Amos, diesen einfachen Mann, den Viehzüchter und Maulbeerfeigenpflanzer aus Tekoa? Wie kommt er zu so klaren Worten und zu einem solch zornigen Auftritt in der Öffentlichkeit? Ganz offenbar war er ein scharfer Beobachter. Vor allen Dingen aber war er einer, der tief überzeugt war, dass der Gott Israels dieses Verhalten der Reichen zutiefst missbilligt und verabscheut. Hatte Gott das Volk nicht aus der Sklaverei und Knechtschaft in
Ägypten befreit? Sollte es nicht leben nach den 10 Geboten, in Solidarität und in Achtung vor Gott und Mitmensch? Werden nicht Recht und Gerechtigkeit die „Stützen des Thrones Gottes“ genannt (Psalm 89,15, Psalm 97,2)? Gott selbst tritt ein für Recht und Gerechtigkeit. So beansprucht er Israel und, das ist die Auffassung, die Amos schon im achten Jahrhundert vor Christus hat, die ganze Welt! Wer das Recht verachtet, verachtet Gott. Da drückt Gott nicht einfach ein Auge zu. Selbst große Opfer und schöne Gottesdienste können ihn nicht milde stimmen. Unmittelbar vor unserem Motto sagt Gott: „Ich hasse Eure Feste und kann Eure Opferfeiern nicht riechen. Das Spiel Eurer Harfen will ich nicht hören“. Ohne Recht und Gerechtigkeit sind Gottesdienste in der Gefahr, Veranstaltungen ohne Gott zu werden. Ohne Frieden in der Welt, gibt es keinen Frieden mit Gott und keinen Seelenfrieden.
„Es ströme das Recht wie Wasser“, dieses Wort wird so zur Anklage. Ob wir mit einem gnädigeren Urteil Gottes rechnen können als Israel im Amosbuch, wenn es um die Wahrung von Recht
und dem Einsatz für Frieden geht? Wir wünschen es uns schon. Aber auch die Berufung auf Je-
sus und seine Vergebung hilft uns nur, wenn wir uns bemühen, aus der Quelle der Gerechtigkeit Gottes zu schöpfen. Wir wissen es doch: So wichtig das Wasser ist für das Überleben, so bedeutsam ist Gerechtigkeit für das Zusammenleben. Das Eine ist so elementar wie das Andere. Deshalb ist Ungerechtigkeit so lebensfeindlich wie Hunger. Und umgekehrt, wo Menschen Gerechtigkeit erfahren, wo ihre Würde geachtet und ihnen zu ihrem Recht verholfen wird, da ist Freude im Himmel und der Friede Gottes ist nahe.
Deshalb müssen wir Ausschau halten nach den Möglichkeiten, die es gibt, dem Wasser der Gerechtigkeit eine Bahn zu schaffen, selbst dann, wenn uns unser Tun vorkommt wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das geschieht ja auch auf die vielfältigste Weise, schon zwischen Nachbarn oder durch die Sozialdienste, die Diakonie und Aktionen wie „Brot für die Welt“. Deshalb verdienen all die Anerkennung, die sich um Fremde kümmern, Integration fördern und rassistischen Sprüchen entschieden entgegentreten.
Man kann viel tun im eigenen Umfeld. Das fängt damit an, dass wir uns für Entwicklungen interessieren und in unserem Umkreis öffentlich Fakten nennen, die leider nur auf Seite 2 in der Zeitung stehen, wenn überhaupt. Dass Deutschland zum Beispiel der größte Waffenexporteur Europas ist – auch mit Kleinwaffen wird Stabilität und Frieden bedroht. Nachdenklich geworden sind wir alle inzwischen im Blick auf den Sinn des militärischen Einsatzes in Afghanistan. Haben vielleicht doch die Recht, die nach dem 11. September 2001 warnten: „Zieht nicht in den Krieg“! In der Denkschrift der EKD zum gerechten Frieden im Jahr 2007 lesen wir: „Seit dem Ende des Kalten Krieges sind fünfmal soviel Menschen wie im 2. Weltkrieg an armutsbedingten Ursachen gestorben – nämlich 270 Millionen. Aktuell sterben jährlich 18 Millionen Menschen an Hunger; fast 900 Millionen sind unterernährt. In Afrika droht die Hälfte aller Nutzflächen zur Wüste zu werden. Auch Klimawandel kann zur Gefährdung des Friedens führen“. Leider ist viel zu wenig bekannt, dass es drei Atommächte gibt, Israel, Indien und Pakistan, die dem Atomwaffen-Sperrvertrag nicht beigetreten sind. Und auch nicht bekannt ist, dass derzeit alle etablierten Atommächte ihre nuklearen Arsenale modernisieren. Bei uns in Deutschland sind die amerikanischen Soldaten zum großen Teil abgezogen. Wissen wir aber auch, dass die USA inzwischen in Rumänien und Bulgarien Militärbasen mit mehreren tausend Soldaten errichtet haben, und dass deshalb die Abrüstung in Europa nicht vorankommt?
„Es ströme das Recht wie Wasser“, das ist Gottes Wille! Wir sollten uns daran freuen. Die Friedensbotschaft Gottes ist nicht nur ein Weihnachtsthema. Gott lässt uns an seiner Gerechtigkeit teilhaben und schaut mit Wohlgefallen auf uns, wenn wir sein Friedenswerk fortsetzten. „Es ströme das Recht wie Wasser“: Alles benetzend wie ein Landregen, alles Lebendige durchtränkend als ordnende Harmonie, Grundton der Menschlichkeit, Ausgleich zwischen Ungleichen als Melodie des Friedens.
Ermutigende Worte hat
Peter Härtling gefunden – Sie finden sie in unserem evangelischen Gesangbuch auf Seite 1025. Mit ihnen will ich enden und Amen sagen:
Wenn jeder eine Blume pflanzte,
jeder Mensch auf dieser Welt,
und, anstatt zu schießen, tanzte
und mit Lächeln zahlte, statt mit Geld –
wenn ein jeder einen andern wärmte,
keiner mehr von seiner Stärke schwärmte,
keiner mehr den andern schlüge,
keiner sich verstrickte in der Lüge –
wenn die Alten wie die Kinder würden,
sie sich teilten in den Bürden,
wenn dies Wenn sich leben ließ,
wär’s noch lang kein Paradies –
bloß die Menschenzeit hätt’ angefangen,
die in Streit und Krieg uns beinah ist vergangen.
Pfarrer Gerd-Ulrich Wanzeck